Entgegen meiner Ankündigung nach der Jam Session in meinem Büro, blieb ich meinem Vorsatz treu und habe mich NICHT betrunken. Aus den vergangenen Jahren wusste ich allerdings, dass das nicht so einfach ist. Früher konnte ich mich immer mit dem "ich muss noch fahren" rechtfertigen, aber das galt ja diesmal nicht. Wussten ja zuviele, dass es für mich quasi ein Heimspiel war.
Das Argument "Mit Euch möchte ich mich nicht besaufen" lässt keiner gelten und könnte auch auf Unmut stoßen, aber es gibt eine Möglichkeit, heil aus so einer Sache rauszukommen:
Das halbe Glas Rotwein
Es wurde ein gar nicht mal so schlechter Merlot kredenzt, der flaschenweise überall rumstand. Den ganzen Abend rannte ich nun mit einem halb gefüllten Glas Rotwein rum. Ab und zu trank ich zwei Schlückchen, füllte dann demonstrativ mein Glas nach und wechselte den Standort. So konnte ich mit jedem Abgefüllten, der unbedingt mit mir anstossen wollte, die Gläser klirren lassen und er war zufrieden. Auf die Art und Weise kam ich über den gesamten Abend auf höchstens 1,5 bis 2 Gläser Rotwein und jeder, der nicht wirklich darauf achtete, freute sich, dass auch ich mir gemütlich einen glühte.
Mit Bier klappt sowas nicht so gut. Ein Kollege von mir versuchte das, hatte dann aber das Problem, dass ihm immer irgendein übereifriger Mensch ein frisches Bier brachte, sobald seins nur noch halb voll war. Der trank dann doch mehr, als er wollte. Cola-Trinker müssen ständig damit rechnen, dass irgendein Promillekönig in ihr Glas sabbert, um zu prüfen, ob da nicht doch noch was anderes drin ist. Auch nicht wirklich schön.
Die Wein-Strategie ist doch eine ziemlich sichere Sache. Werd ich jetzt immer so machen.
Bei der nächsten Festivität wird mich auch hoffentlich nicht wieder ein lattenstrammer Idiot wild gestikulierend anrempeln und mir meinen Rotwein in den Ausschnitt kippen. Glücklicherweise hatte ich ein schwarzes Top an.
Dafür stank ich wie ne Kutscherkneipe und seine schwitzige Hand auf meiner Schulter und sein "Schullijung" rissen es auch nicht raus.
Überhaupt: Anfasser! Auch da bedarf es feiner Strategien, um diesen zu entgehen, ohne als Spaßbremse, die sich fürchterlich anstellt, abgestempelt zu werden.
Dabei hat sich der beherzte Griff an die Oberarme bewährt. Wenn man merkt, dass da einer gerade selig trunken auf Tuchfühlung gehen will, greife man (bzw. FRAU!!) forsch an die Oberarme, halte ihn auf Abstand und sage etwas Charmantes zum Outfit! Je Party das Hemd, umso überzeugender das Kompliment "Ja holla die Waldfee, Du hast Dich ja auch richtig in Schale geworfen." Das lenkt so ziemlich jeden vom Bodycheck ab. Wenn es gar nicht anders geht, soll der Typ sich noch umdrehen, damit man alles bewundern kann. Spätestens dann hat man ihn normalerweise vom Leib und genug Zeit, das Weite zu suchen.
Leider gibt es zwei Gruppen, denen man nicht entkommen kann.
1. Die Rentner
Traditionell werden bei uns auch immer die Ableblinge zur Weihnachtsfeier eingeladen. Und erzählt mir nix von Altersdemenz oder Senilität. Diese Alten sind sowas von abgefeimt! Sie wissen ganz genau, dass sie sich a) mehr erlauben können als die Jüngeren und b) wie weit das genau ist, ohne einen in die Fresse zu bekommen.
Da steh ich nichts Böses ahnend mit einem (nüchternen) Kollegen zusammen und bin am Plaudern, als ich plötzlich um die Taille gepackt werde und ein Hundertjähriger mir mitteilt, wie schön das sei, mich mal wieder zu sehen. ICH KENN DEN NICHT!!! Der hat schon aufgehört zu arbeiten, als ich noch zur Schule ging!!!! Aber auf der letzten Weihnachtsfeier hab ich ihm dem Weg zum Klo erklärt.
Da steh ich nun mit gequälten Lächeln, frage nach dem Stand der Dinge an der Heimatfront und darf mir die nächsten 15 Minuten anhören, dass er die Firma quasi mit aufgebaut hat und heute ja alles anders sei und er ja so froh sei, mich zu treffen, denn er kennt die anderen ja gar nicht. Und die ganze Zeit hab ich seine Pfote an der Hüfte oder er greift mir um die Schulter und drückt mich mit den Worten "Du bist aber auch ne Nette!" innig an sich. SUPER! Ich bin einfach, verdammt noch mal, zu gut erzogen. Ich ehre das Alter und außerdem tun mir die Jungs auch immer irgendwie leid, weil sich ja nun wirklich keine Sau für ihr Geschwätz von früher interessiert.
Natürlich hat mein ursprünglicher Gesprächspartner längst mit einem gehässigen Grinsen nen Abgang gemacht, weil er keinen Bock auf die alten Schoten hat. Glücklicherweise gibt es dann immer andere Kollegen, die einen retten "Du, die XY sucht Dich schon die ganze Zeit."
Seid gepriesen an dieser Stelle.
Ist mir dreimal an diesem Abend passiert!!!
2. Die komplett Abgefüllten
Auf die traf ich, als ich gegen kurz vor 1 Uhr die Biege machen wollte, weil die Besoffenen mittlerweile eindeutig in der Überzahl waren und auf der Tanzfläche pogoierten.
Heimlich, still und leise wollte ich mich verpissen, kam dabei aber natürlich an etlichen lattenstrammen Kollegen vorbei, die sich mir mit den Worten "Wissu schonn genn? Wir hammuns nochanich unnahallden" in die Arme warfen.
Da hilft dann nur rohe Gewalt und lügen "Du, mein Taxi wartet, ich muss morgen früh raus!"
Rauswinden und Flucht ergreifen.
Irgendwann saß ich dann doch im Taxi und schämte mich, weil ich nach Rotwein stank.