Selbstverständlich haben wir sofort Gegenklage erhoben.
Justizias Mühlen mahlen langsam und es floss sehr viel Wasser die Elbe runter, bevor endlich mal was konkretes passierte.
In der Zwischenzeit durfte ich etliche Male schriftlich den Unfallhergang schildern und aufmalen und machte mich auch meinerseits auf, nach Zeugen zu suchen. Schließlich gab es direkt neben der Unfallstelle ein großes Mehrfamilienhaus (Rotklinker) und irgendeiner hängt doch immer am Fenster, wenn es unten rumst. Also klingelte ich an jeder Haustür.
Obendrein hängte ich Zettel in die Gegend, auf denen ich nach Zeugen suchte.
Vergebens, keiner hatte was gesehen.
Unser Anwalt (die ganze Familie nahm natürlich regen Anteil) hielt uns auf dem Laufenden und eines Tages schickte er uns ein "Unfallphoto"! Es zeigte den Wagen des Arschloches von OBEN an der Unfallstelle. Ich weiß bis heute nicht, wie er das gemacht hat. Entweder der ist auf nen Baum geklettert oder hat nen Kran besorgt.
Jedenfalls sah man auf diesen Bild, dass sein Wagen tatsächlich fast einen Meter von der Straße wegparkte...mitten auf dem Fahrradweg.
Ich tobte! Wahr ist nämlich, dass er direkt am Fahrbahnrand stand, als ich seine offene Tür erwischte. Der Sack muss seinen Wagen irgendwann später umgeparkt und dann photographiert haben.
Und weiter zog Zeit ins Land. Ich wurde von der Versicherung hochgestuft und auf dem Eigenanteil blieb ich natürlich auch sitzen.
Dann endlich, nach mindestens einem Jahr: persönliche Zeugenvernehmung vor Gericht!
Das ist nämlich nicht so wie in Gerichtsshows, wo alle Beteiligten rumsitzen; Ankläger und Angeklagter und dann werden alle Zeugen befragt. Sowas passiert so nach und nach.
Mein Unfallgegner war auch leider an diesem Tag nicht zugegen. Der wurde zu einem früheren Zeitpunkt in seiner Heimatstadt BIELEFELD (noch Fragen?) gehört. Zusammen mit Zeugin 1, die ja bezeugte, wie weit auf dem Fahrradweg er geparkt hätte...
Auwei, was war ich aufgeregt. Im Gang sah ich diverse Personen, die ich alle nicht kannte. Nur der anwesende Polizist kam mir vage bekannt vor. Desweiteren stand da noch ein älterer Herr rum und eine Frau von ca. Ende 20. Ich ahnte schon, dass das die Zeugin 2 ist, die mich hat Schlangenlinien fahren sehen und musste mich arg beherrschen, nicht auf die loszugehen.
Mein Anwalt war schon drin.
Ich war als Erste dran und machte meine Aussage. Ich schilderte den ganzen Hergang und wurde dann sowohl vom Richter, als auch von meinem und vom gegnerischen Anwalt befragt.
Dabei wurde mir auch das tolle "Beweisphoto" gezeigt und ich bin nur mit Mühe ruhig geblieben.
Danach kam Zeugin 2. Ich durfte ja der weiteren Verhandlung (Anhörung, Vernehmung) folgen.
Bei dieser ganzen Geschichte handelte es sich übrigens nicht um die Klage des Unfallgegners gegen mich, sondern um unsere Gegenklage. Da ich aber gar nicht Halter des Fahrzeuges war (es war Mamas Zweitwagen - von wegen günstigere Versicherung...), fungierte ich als Zeugin und nicht als Beklagte oder Anklägerin. Alles etwas konfus, aber egal.
Zeugin 2 saß da nun vorne und schilderte höchst emotionsgeladen, wie sie voller Schrecken beobachtet hätte, wie ich vor ihr die ganze Zeit Schlangenlinien gefahren sei und ganz offensichtlich keine wirkliche Kontrolle über mein Auto gehabt hätte.
Den Unfall selbst hätte sie gar nicht mitbekommen, sondern später auf dem Rückweg hätte sie zufälligerweise an der Tanke gegenüber halten müssen und hätte von dort gesehen, dass da Leute um einen Wagen mit kaputter Tür standen (ich hatte ja seine Tür im Vorbeifahren quasi umgeklappt, so dass sie an seinem linken, vorderen Kotflügel kuschelte). Sie hätte sofort geargwöhnt, dass diese Sache mit meiner kriminellen Fahrweise zu tun gehabt hätte und sei darum rübergegangen und nachdem Aussehen und Marke des (meines) Wagens bestätigt wurde, hätte sie sich sofort als Zeugin zur Verfügung gestellt.
Ich war zu diesem Zeitpunkt übrigens schon weg vom Unfall.
Was für eine gute Bürgerin. Bleibt bei sowas mal still auf Eurer Bank sitzen...
Ich kochte!!!
Dann kam der erste Lichtblick: der Polizist. Obwohl ich Volldepp ja auf eine Anzeige verzichtet hatte, hat der sich natürlich artig Notizen über den Unfall gemacht und wiederholte vor dem Richter, dass es damals für ihn absolut klar war, dass ICH unschuldig war! HA!
Und dann kam der Mann, dem ich ewig dankbar sein werde: mein Gutachter, dieser wundervolle Mensch.
In sachlichen Worten beschrieb er den Schaden an meinem Wagen: meine Beifahrertür hatte eine extrem fette Delle und ab da hatte ich fiese Schleifspuren über die ganze Seite des Wagens bis zum hinteren Kotflügel.
Logische Schlussfolgerung des Gutachters: wenn ich also auch nur minimalst von meiner geraden Fahrweise abgekommen wäre und auch nur ansatzweise schräg auf diesen Wagen zugefahren wäre, beziehungweise gar in einer Schlangenlinie auf den Seitenstreifen, auf dem der Wagen ja vermeintlich so hoch droben stand, dann hätte mein rechter, vorderer Kotflügel heftige Schäden vorweisen müssen.
Da war aber absolut und überhaupt NICHTS. Der Schaden begann erst ab Mitte der Tür.
Der Gutachter hatte seine Ausführungen noch gar nicht richtig beendet, da knallte der gegnerische Anwalt seine Unterlagen zusammen und verließ stinkendsauer den Saal.
Kurz darauf wurden wir alle entlassen.
Der Ausgang der Angelegenheit ist wohl klar: das dumme Arschloch hatte eindeutig schuld! Seine Versicherung musste blechen, ich wurde wieder runtergestuft und die Gerechtigkeit hat gesiegt.
Unser Anwalt erzählte uns dann später noch, er hätte noch mit dem gegnerischen Anwalt gesprochen und der sei fuchsteufelswild gewesen, weil ihn sein Mandant so dermaßen verarscht, falsche Zeugen vorgeführt und ihm sogar das Gutachten vorenthalten hat! Das hatte er nie gesehen, sonst wäre er gar nicht vor Gericht gegangen. Er hatte wirklich an die Unschuld des Blödmanns geglaubt und war sich sicher, die Sache zu gewinnen.
Leider haben wir nie erfahren, ob Arschloch und seine tollen Zeuginnen noch wegen Falschaussage dran waren. Ich hoffe es aber sehr.
Doch trotz des guten Ausganges hat die Sache eine üble Nachwirkung: wenn ich jetzt in einen Unfall gerate, an dem ich unschuldig bin und wenn die Sache noch so eindeutig ist - ich ruf die Polizei, erstatte Anzeige und lass die ganze Sache total pingelig aufnehmen.
Vor ca. 2 Jahren war ich in so einer Situation. Mein Unfallgegner war total nett. Er hatte mich beim Spurwechsel übersehen und ist mir in die Seite gekachelt. Ganz eindeutige Sache.
Aber ich bestand auf Polizei und Anzeige. Ich erklärte ihm meine Beweggründe und sogar da war er noch total nett und verständnisvoll und rief mich später auch noch mehrmals an, ob auch alles glattgeht.
So büßen dann immer die Guten für den Mist, den irgendwelche Flachpfeifen verzapfen.